„Kunst schafft gemeinsames Erleben“ – Ein Gespräch mit Sabine Geierhos

Malerin Sabine Geierhos ist seit einigen Monaten Mieterin im Dezernat 16. Im Porträt erzählt sie uns von ihren Entwicklungen in den letzten Jahren, vom Spannungsfeld zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft, von ihrem partizipativen Kunstbegriff und davon, was das Motiv der Heldenreise mit ihren aktuellen Werken zu tun hat.

„Vor zwei, drei Jahren hätte ich noch nicht in ein Gemeinschaftsatelier ziehen können“, sagt Sabine Geierhos, als wir über ihre Räumlichkeiten im Dezernat 16 sprechen. Sie teilt sich das Atelier mit Kathrin Schneider, Vera Modrow und Steph Selke. Mit Kathrin Schneider stellte sie bereits vorher zweimal im P13 gemeinsam aus, und im Rahmen von KON.NEX Art gab es ebenfalls schon Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen des D16. „Ich musste mit meiner Malerei zunächst meinen eigenen Raum finden und dort sicher sein, bevor ich mich in den künstlerischen Austausch begebe. Nun genieße ich das Miteinander, die Kooperationen und die Impulse, die ich hier erhalte.“ Sabine unterrichtet Kunst an einem Gymnasium in Heidelberg und gibt ein Einführungsseminar in Malerei an der Pädagogischen Hochschule. Nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Karlsruhe hatte sie ihr Atelier viele Jahre in ihren eigenen Räumen. „Mein Studium empfand ich als großes Privileg. Ich bin als Lehramtsstudentin an der Kunstakademie sofort wie eine freie Künstlerin behandelt worden, dadurch sehr früh und schnell in den künstlerischen Betrieb hineingekommen und auch in eine dazugehörende Arbeitsatmosphäre.“ Ihr entstandenes Werk ist seit 2016 im ersten Stock des Rathauses Heidelberg zu sehen.

Erst viel später kam das Bedürfnis auf, ihre Werke und ihre künstlerische Entwicklung nachzuvollziehen und zu sehen, was sie bereits alles gemacht hat. Ein dicker, umfassender Katalog ihrer Malereien, Skizzen, Gedanken und Gedichte entstand daraus. „Durch die Arbeit an dem Katalog und durch das Reflektieren über meine Entwicklung fällt es mir nun viel leichter, mit wenigen Worten zu erklären, was ich tue. Und warum.“ Ausschlaggebend war dabei das Sabbatjahr, das sie 2016 in Anspruch nahm. „Kaum war es so weit, begann ein inhaltliches Suchen. Was bedeutet meine Malerei? Ist davon überhaupt etwas relevant? Versuche, mein Tun als Texte festzuhalten, brachten nicht richtig rüber, was ich ausdrücken will. Aber das Sabbatjahr gab den Raum, den Kopf freizubekommen und Vertrauen in die eigene Entwicklung und den eigenen Weg zu finden.“

Während dieser Zeit wanderte Sabine auf dem Camino, besuchte Finisterre, einen für sie besonders bedeutungsvollen Ort, und reiste viel. Tage- und Skizzenbücher sowie verschiedene Erlebnisse und Gespräche auf ihren Reisen flossen in die Betrachtung ihres Tuns. „Ich stellte fest, dass Tagebucheinträge und Gedichte meine Malerei besser reflektieren. Und entschied mich, auf diese Weise Einflüsse und Gedanken zu meiner Arbeit festzuhalten. Später entstand dann der Katalog – als ein Versuch, Ordnung zu schaffen“, lacht Sabine. Auch eine neue Wertschätzung für ihr Können entwickelte sich über dieses Sammeln, Ergänzen und Festhalten der Eindrücke.

In Sabines gesamtem bisherigen Werk steckt die Struktur der Heldenreise: „Ich habe irgendwann verstanden, dass sie ein Leitfaden für die Entwicklung und auch die Ordnung meiner Kunst ist: Einsamkeit, der eigene Weg, Erfahrungen und dann am Ende wieder ein Neuanfang, leerer Raum, Platz für einen neuen Zyklus.“ Während wir uns unterhalten, fallen diese Wörter noch häufiger. „Ich träume davon, immer zuversichtlicher hinauszugehen, zu erleben, den Abschluss der Erfahrung in innerer Rückkehr künstlerisch zu verarbeiten. Um danach mit anderen diesen Prozess zu teilen und Mut zu machen.“

Das Miteinander und das Alleine-Sein: Ein Zusammenspiel, das auch ihre aktuelle Arbeit prägt. „Mit meiner Kunst biete ich Identifikationsmöglichkeiten an, indem ich meinen eigenen Weg suche und darstelle“, erläutert Sabine. „Ich will einen Beitrag zur Schaffung neuer Identitäten leisten und den Fokus auf unsere Gemeinsamkeiten lenken.“ Sabines Tanzmalbilder sind dafür gute Beispiele. „Ich stelle bei meinen Paint Dance-Bildern sowohl Körper und Körpergefühl in den Vordergrund, als auch das Performative, das Erleben von Kunst“. Um in dieses Erleben noch stärker einzutauchen, plant Sabine ein Event mit der Musikergruppe Ojazz. „Ich möchte zu der Musik von Ralf Kern, Sergio Rojas Sanz und Diane Jeeranut Pitzer live malen. Möglicherweise haben wir dabei mit Juliane und Jonathan Kliegel noch Geigen- und Bratschenbegleitung“. Ihr Paint Dance ist gleichzeitig Akrobatik, was uns Sabine noch während des Interviews zeigt: In einem Yoga-Tuch hängt sie, zum Teil in Umkehrhaltung, über der Leinwand. „Der Körper schafft eine bestimmte Haptik. Wenn ich im Tuch bin, kann ich die Farbe fast schwerelos über die Leinwand streichen – die Konturen wirken dadurch zarter, wie gegossen.“

Dann zeigt Sabine uns abschließend noch den „Vampir“ – „Moment, das habe ich gerade gelernt!“ – dreht sich im Tuch um und schwebt nun horizontal über ihrer Leinwand. 

Wir sind gespannt auf alles, was Sabine nun hier im D16 machen wird und danken ihr für das offene und interessante Gespräch.