Ins Herz der Stadt – Ein Gespräch mit Jürgen Enninger über die Kultur- und Kreativwirtschaft in München

In Deutschland gibt es unterschiedliche Konzepte, wie die Kultur- und Kreativwirtschaft in den Städten gefördert wird. „Da gibt es nicht den einen Königsweg, sondern viele unterschiedliche Modelle“, sagt Jürgen Enninger, der das Münchner Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft leitet. Wie die Landeshauptstadt Bayerns die Branche fördert, erzählt er uns im Gespräch.

Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft ist in München eine referatsübergreifende Einrichtung. Das bedeutet, unterschiedliche neu eingestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit kreativwirtschaftlichem Hintergrund bilden ein Team und arbeiten in der Stadtverwaltung zusammen. „So vereinfachen wir die Prozesse für die Kreativschaffenden sehr stark, denn sie haben sowohl für Beratung als auch Bewerbung auf Räume und Förderung eine zentrale Anlaufstelle“, erklärt Jürgen Enninger das Konzept. Diese Matrixstruktur innerhalb der Verwaltung ist einer der Gründe, warum sich der heutige Leiter des Kompetenzteams auf die neu entstehende Stelle beworben hat. „Als der Stadtrat die Einrichtung des Kompetenzteams mit den entsprechenden Stellen verkündet hat, war mir klar: Das ist es! Wir haben hier mit dieser Struktur zusammengefügt, was die Kreativschaffenden brauchen.“

Das Kompetenzteam deckt fünf große Aufgabenfelder ab. Die kostenlose Beratung bietet Kreativschaffenden aus der Region Orientierung. Qualifizierungs- und Netzwerkveranstaltungen bringen die Menschen zusammen und ins Gespräch mit Unternehmen, Organisationen und der Stadt. Auch Vorträge organisiert das Kompetenzteam für Münchens Kreative. Selbstverständlich ist auch die Beratung und Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Räumen eine der Aufgaben des Kompetenzteams. Der besonderen Herausforderung der Münchner Immobilienlage und den extrem steigenden Preisen begegnet das Team auf verschiedene Weise. „Das Kreativquartier entwickelt sich gut, aber unsere Warteliste wächst immer weiter, und wir können den Bedarf schon jetzt nicht abdecken“, fasst Jürgen Enninger die Situation zusammen. „Wir wirken in die Politik, sprechen mit verschiedenen Organisationen und setzen uns ein, damit für eine wachsende und sich entwickelnde Kultur- und Kreativwirtschaft mehr Räume zur Verfügung gestellt und auch andere Preise aufgerufen werden. Hier ist allerdings nicht nur die Landespolitik gefragt, sondern auch die Bundesregierung.“ 

Ausschnitt aus einem Graphic Recording zur Münchner Kreativwirtschaft. Copyright: Landeshauptstadt München

Eine weitere interessante Möglichkeit, die den bunten Kulturbetrieb mit wechselnden Akteuren direkt in die Mitte der Stadt holt, ist das Konzept der Münchner „Pop Up-Läden“. Eine Reihe von Immobilien im Herzen Münchens wird zum Beispiel während Renovierungsphasen der Kultur- und Kreativwirtschaft zur Verfügung gestellt. „Die Vermittlung läuft bei uns über Projektanträge – die Kreativschaffenden sagen uns, was sie in den beantragten Räumlichkeiten machen möchten, und wir prüfen die Anträge.“ Auf diese Weise entsteht sowohl im Marienplatz 1, einem großen Laden in der Innenstadt, als auch zum Beispiel im Viktualienmarkt ständig Neues. „Diese flexible Nutzung und die damit verbundene Aufmerksamkeit für die Kultur- und Kreativwirtschaft ist uns ein großes Anliegen. Wir möchten ins Herz der Stadt und zeigen, was für ein starker Motor die Kultur- und Kreativwirtschaft bereits ist“, erläutert Jürgen Enninger. Auch in der Stadt begleitet das Kompetenzteam die Entwicklungen im Bereich Immobilien. Jürgen Enninger freut sich: „Die Zusammenarbeit mit der Münchner Politik funktioniert sehr gut, und Kreativförderung wird als wichtiges Thema gesehen“.

Im Bereich Finanzierung stellt das Kompetenzteam auch eine Crowdfunding-Plattform bereit. Die Projekte auf der Plattform werden häufig gut angenommen. Was Jürgen Enninger als ehemaligen Sprecher der mittelständischen Musikwirtschaft darüber hinaus begeistert: „Viele Projekte kommen aus der Musikwirtschaft“. Zusätzlich können die Kreativschaffenden für Projekte und Dienstleistungen einen Förderantrag stellen. Wenn die Projektpartner und Dienstleister ortsansässig sind, kann ein solcher Projektantrag zu 50% und bis zu einer Höhe von maximal 3000,– Euro gefördert werden. „Wir haben die Mittel schon mehrmals aufgestockt, weil der Bedarf so groß ist“, sagt Jürgen Enninger, und betont dann: „Für unsere Förderrichtlinien war übrigens Heidelberg das Vorbild. Das Team dort hat hervorragende Vorarbeit geleistet. Ein großer Vorteil unseres deutschlandweiten Netzes in der Kultur- und Kreativwirtschaft! Wir tauschen uns über Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen aus und profitieren alle davon.“

Screenshot aus dem Video der Münchner Kreativwirtschaft

In ihrem fünften Aufgabenbereich geht es den Münchnern darum, dieses wichtige Netz noch zu erweitern. So kooperiert das Kompetenzteam zum Beispiel seit etwa zwei Jahren mit Amsterdam. „Unsere Städte haben ein ähnliches Potenzial, was die Kultur- und Kreativwirtschaft betrifft, daher trieben wir einen Austausch voran. Mit unserer Kooperation „Creative Embassy“ suchen wir nach einfachen Möglichkeiten, das Netzwerken zu unterstützen und Synergien zu schaffen.“ Gegenseitige Besuche von Delegierten sowie wechselseitig zur Verfügung gestellte Räume sind Teil dieser Kooperation. Nächstes Jahr werden die Münchner einen Monat die Gelegenheit haben, einen Amsterdamer „Pop Up-Store“ zu bespielen. „Was mich daran besonders fasziniert, ist, wie die Amsterdamer Kollegen querdenken“, sagt Jürgen Enninger. „Der Austausch dort ist sehr offen und – was auch wir in München immer wieder fördern – branchenübergreifend. Denn es ist toll zu sehen, was alles an Ideen für Projekte im Raum steht, wenn, wie bei unserer Kooperation mit Amsterdam passiert, plötzlich die Mobilitätswirtschaft hinzukommt.“ Die Erfahrungen des Kompetenzteams bringen sie nicht nur in München ein, sondern auch ins PCI Netzwerk der Fördereinrichtungen und in eine Kooperation mit dem Goethe-Institut. Hier sind sie zusammen mit Hamburg und Sachsen Träger der Kooperation. „Das Goethe-Institut ist sehr interessiert an den unterschiedlichen Modellen, wie die Kultur- und Kreativwirtschaft gefördert wird. München alleine hätte das gar nicht abbilden können.“ 

Gerade in der großen Vielfalt und im Austausch über die unterschiedlichen Wege sieht Jürgen Enninger gute Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft deutschlandweit. „Ich hatte schon immer das Gefühl, dass man letztlich auch in der Politik durchdringt, wenn man sich zusammenschließt, sich gegenseitig unterstützt und gemeinsame Projekte realisiert.“ 

Wir bedanken uns bei Jürgen Enninger sowie beim Kompetenzteam München und schicken herzliche Grüße vom Neckar an die Isar!

Beitragsbild: Kompetenzteam der Münchner Kreativwirtschaft, Copyright: Landeshauptstadt München / Foto: Designliga