„Die Motivation ist groß“ – Ein Gespräch mit Tina Eberhardt über die Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft in Freudenstadt

Im letzten Artikel zu „Kultur- und Kreativwirtschaft an anderen Orten“ sprachen wir mit Jürgen Enninger, Leiter des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft in München. Welchen besonderen Bedingungen die Entwicklung der Kreativwirtschaft in einer eher ländlichen Region unterliegt, erzählt uns Tina Eberhardt aus Freudenstadt.

Tina Eberhardt ist Kultur- und Medienmanagerin. 2014 gründete sie ihre eigene Agentur. Im Zuge dieser beruflichen Entwicklung stellte sie fest, dass es in der Region Freudenstadt wenige Angebote für kollaboratives Arbeiten und Netzwerken gab. So arbeitete sie zunächst im damals gegründeten Kreativwirtschaftszentrum EMMA in Pforzheim, bevor sie sich für den Aufbau der Kreativwirtschaft in Freudenstadt einsetzte.

„Woanders hingehen ist immer eine billige Lösung“, sagt Tina Eberhardt. „Als Betroffener löst man keine Probleme, indem man einfach geht, wenn die Bedingungen vor Ort nicht stimmen. Eine Stadt oder ein Landkreis lösen aber auch keine Probleme, indem man die Menschen einfach ziehen lässt.“ Die Kulturmanagerin sprach über ihre Beobachtungen und die Potenziale der regionalen Kultur- und Kreativwirtschaft mit dem Bürgermeister und dem Oberbürgermeister Freudenstadts. „Die Antwort war sehr positiv. Beide sagten ohne Weiteres: „Ja, stimmt, da müssen wir was tun!“

Im ländlichen Raum war das Bewusstsein für und das Verständnis von Kreativwirtschaft zu diesem Zeitpunkt noch sehr unterentwickelt. Große räumliche Distanzen machen den Aufbau einer zentralen Struktur für Kreativbranchen im ländlichen Nordschwarzwald bis heute schwierig. Zudem waren sich die vielen ansässigen Kreativen, wie zum Beispiel die Architekten, ihrer Zugehörigkeit zur Kreativbranche oft gar nicht bewusst – rechneten also zunächst nicht damit, dass hier ein Angebot auch für sie geschaffen werden sollte. „Unsere Bedingungen unterscheiden sich sehr von städtischen Strukturen. Wir haben das von Anfang an mitgedacht und überlegt, was die Menschen hier brauchen. Wir beschlossen 2015 die Gründung eines Netzwerkes, um die vielen „Einzelkämpfer“ der Region zusammenzubringen und dadurch Projekte und Entwicklungen anzustoßen“, erläutert Tina Eberhardt.

Besuch der Privatausstellung in den Werkräumen des Designers Arno Votteler. Dieser stammt aus Freudenstadt.

Alles begann behutsam und in Partnerschaft mit der Stadt, um genau die Angebote zu schaffen, die die Kreativen in der Region benötigen. „Ich finde die Atmosphäre in Freudenstadt und die Zusammenarbeit hervorragend“, sagt Tina Eberhardt. „Mir wurde sehr viel freie Hand gelassen, was das Einbringen von Ideen anging. Dabei half auch eine klare Absprache: Ich berate und entwickle Vorschläge, die Entscheidung zur Umsetzung ist dann Sache der Stadt – sie ist der Träger des Netzwerks.“ Als das Konzept stand, luden Tina Eberhardt und die Stadt Reinhard Strömer, den Regionalbeauftragten des Bundeskompetenzzentrums der Kultur- und Kreativwirtschaft ein, um es zu prüfen. „Er nahm das Konzept auseinander und setzte es wieder zusammen. Als es sich im Kern so präsentierte, wie wir es geplant hatten, war das für uns ein sehr gutes Zeichen.“

Damit war aber noch nicht gesagt, ob das erarbeitete Konzept für das entstehende Netzwerk auch ankommt. „Wert legten wir darauf, etwas Besonderes zu bieten. Denn die Freudenstädter sollten sich ja nach ihrem Feierabend noch einmal ins Auto setzen, um unsere Veranstaltungen zu besuchen“, weist Tina Eberhardt noch einmal auf die besonderen Bedingungen der Kultur- und Kreativwirtschaft im ländlichen Raum hin. Gelungen ist dies mit interessanten Orten, zu denen die Menschen sonst keinen uneingeschränkten Zugang haben, spannenden Einblicken verschiedener Impulsgeber und Themen, die einen unmittelbaren Mehrwert für selbständige Kreative bieten. Mittlerweile treffen sich Akteurinnen und Akteure aus Freudenstadt und dem Umfeld zu regelmäßigen Netzwerkveranstaltungen – manche davon sind für einen kleinen Kreis, um eine geschützte Atmosphäre des Austauschs zu schaffen, manche werden für ein größeres Publikum geöffnet, um auch der Öffentlichkeit die vielen Impulse aus den Kreativbranchen zugänglich zu machen. „Vor kurzem hatten wir eine sehr spannende Veranstaltung in einem Pflegeheim, in dem Kinder untergebracht sind, die beatmet werden müssen. Die Einrichtung entstand in Zusammenarbeit einer Innenarchitektin mit ihrem Mann, einem Mediziner“, erläutert Tina Eberhardt. „Hier stand auch die Frage im Fokus, was die Kreativwirtschaft für Menschen mit einem besonderen Bedarf leisten kann.“

„Zukunft . Denken“ lautet das Motto des Netzwerks Kreativwirtschaft Freudenstadt. Dabei stehen immer wieder auch Entwicklungsareale im Blickpunkt.

Neben Netzwerktreffen aus der eigens geschaffenen Reihe „Zukunft. Denken“, Diskussionsabenden zu Themen wie „Ethik in der Produktion“ und Erkundungsspaziergängen unterschiedlicher Areale, deren Weiterentwicklung in Freudenstadt geplant sind, ging aus der gemeinsamen Arbeit 2017 auch eine Designausstellung hervor. „Für mich eines der großen Ziele beim Aufbau der regionalen Kultur- und Kreativwirtschaft: Der Öffentlichkeit zeigen, was alles im kreativen Bereich entsteht oder bereits entstanden ist“, sagt Tina Eberhardt. Eine Besonderheit dabei: „Im Grunde rechnet niemand damit, dass bei uns in der Region ein solches Angebot besteht. Viele sind überrascht, wie viele unterschiedliche kreative Akteure sich hier angesiedelt haben. Um die Menschen zu erreichen, die noch nicht nach uns suchen, tauschen wir uns viel mit Partnern wie der MFG Baden-Württemberg, dem Kreativzentrum EMMA in Pforzheim sowie dem Dezernat 16 aus. Die Zentren in der Region sind eine Inspirationsquelle.“

Und wie könnten die nächsten Schritte in Freudenstadt aussehen? Die Kreativakteurin und Beraterin ist vorsichtig optimistisch: „Wir haben bereits mit dem sehr engagierten Gemeinderat über erste Maßnahmen zu einer Institutionalisierung gesprochen, und ich bin gespannt, was daraus alles entstehen wird.“ Das Dezernat 16 verfolgt die Entwicklungen ebenfalls mit Spannung. Wir freuen uns schon auf das nächste Gespräch und danken Tina Eberhardt.

 

Beitragsbild: Tina Eberhardt, fotografiert von Janusch Tschech.