„Traumfrau verzweifelt gesucht“ auf einer der wenigen europäischen Wanderbühnen

Am 5. Mai feiert die Wanderbühne Theater Carnivore mit der zeitgenössischen Komödie „Traumfrau verzweifelt gesucht“ bei uns im Dezernat 16 Premiere. Die Zuschauer erwartet eine alte Theaterform in modernem Auftritt. Wir sprachen mit dem Ensemble über die Besonderheiten der Wanderbühne und über ihr aktuelles Stück. Dabei entstand nicht nur ein Interview mit vielen Hintergründen für unser Bulletin, sondern – dank Rawhunter – auch ein Videobeitrag zu „Traumfrau verzweifelt gesucht“. 

 

Videobeitrag zur Wanderbühne, produziert von Rawhunter. Die Idee des Unternehmens, das seit kurzem ein Büro im Dezernat 16 hat: Etwa einmal pro Ausgabe unser Bulletin um ein Videoformat zu erweitern. „Bulletin TV“ quasi! Wir freuen uns sehr über diese Idee und über das erste fertige Video.

 

Das Theater Carnivore spricht über die Wanderbühne

Heute ist die Wanderbühne eher eine Randerscheinung in der Theaterlandschaft. Dabei ist sie die ursprüngliche Form professionellen Theaters in Deutschland. Ins Land kam sie durch englische Schauspieltruppen, die ab Ende des 16. Jahrhunderts an fürstlichen Höfen gastierten und durch deutsche Städte tingelten. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die englischen Komödianten durch deutsche Kompanien abgelöst. Als Theater für ein breites Publikum, das auf öffentlichen Plätzen, Messen und Jahrmärkten spielte, waren ihre Aufführungen von deftigen und drastischen Elementen durchsetzt. Parodie, Spott, Spaß und Spektakel dienten nicht nur der Unterhaltung, sondern waren zugleich Mittel der Kritik. Inspiriert war die Spielweise der Wanderbühnen unter anderem von der Commedia dell’ Arte, dem italienischen Volkstheater des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.

So reist die Wanderbühne an.

Für Florian Kaiser, Betreiber einer der wenigen europäischen Wanderbühnen, sind ihre Elemente bis heute lebendig und kreativer Antrieb für das Theater. Er integriert sie mit seinem kleinen Ensemble in zeitgenössische Texte. Am 5. Mai erwartet uns also etwas ganz Besonderes. Doch genug des ausufernden Prologs, lassen wir das Ensemble* selbst sprechen.

Was ist eine Wanderbühne?

Markus Schulz, Schauspieler: „Eine Wanderbühne ist eine Bühne, die alles gleich mitbringt, was wir benötigen. Vielleicht vergleichbar mit einem Zirkus, der seine Zelte aufschlägt und alles selbst dabeihat. Das einzige, was wir nicht mitbringen können, ist das Publikum. *lacht*

Florian Kaiser, Gründer der Wanderbühne: „Mit der Wanderbühne nahm das professionelle deutsche Sprechtheater im 17. Jahrhundert seinen Anfang. Wir führen die beinahe verloren gegangene Tradition eines effektvollen Volkstheaters mit Elementen der Commedia dell’ Arte fort. Es ist eine tolle Entwicklung der Wanderbühne, dass ich nun bereits mit einem Ensemble arbeite.“

Hier spielt das Ensemble 2017 auf einem Weingut.

Was erwartet das Publikum bei „Traumfrau verzweifelt gesucht“?

Horst H. Walter, Dramaturgie und Co-Regie: „Mit „Traumfrau verzweifelt gesucht“ spielen wir eine Komödie, die die Vereinzelung der Menschen zeigt. Unser Protagonist sucht im Internet nach seiner idealen Partnerin und muss feststellen, dass nichts so ist, wie es sich darstellt. Im Grunde ist der Stoff sehr tragisch.“

Florian: „Das Stück ist sehr pointenreich. Also das Tragische am Stoff wird als Komödie präsentiert. Die Zuschauer erwartet auf jeden Fall ein großes Spektakel!Das klingt zwar irreführend, denn es ist ja eine ganz kleine Bühne. Aber die Wanderbühne ist ja nicht nur eine technische Idee, sondern auch eine Art und Weise, wie man Theater spielen möchte.“

Wieso habt Ihr Euch für das Projekt „Wanderbühne“ entschieden?

Markus: „Jennifer und ich haben beide die klassische Ausbildung durchlaufen und waren dann am Staatstheater. Wir spielen auch heute noch in Inszenierungen an Theatern. Das Besondere an der Wanderbühne ist für mich, dass sie einen erdet. Wir machen alles selbst, das ist zum einen abwechslungsreich, zum anderen bringt es die Wertschätzung und auch die Demut für den eigenen Beruf zurück. Wir spielen uns die Seele aus dem Leib, einfach weil wir so viel Energie hineingesteckt haben.“

Horst: „Zwar war Theater mal meine Leidenschaft und Profession, zuletzt war ich als Dramaturg am Zimmertheater tätig, doch dann habe ich mich vor fast 20 Jahren davon verabschiedet und wollte eigentlich nichts mehr mit dem Theater zu tun haben. Doch meine Begegnung mit Florian, sein Mut und sein Enthusiasmus für diese Form von Theater hat meinen Theaterfunken wieder geweckt.“

Jennifer Münch, Schauspielerin: „Das kleine, familiäre Team ist auch ein wichtiger Grund für die Entscheidung zur Wanderbühne. In großen Ensembles machen alle ihre Arbeit, aber das Verbindende ist nicht da. Hier machen wir so viel selbst und bringen alle auch unsere anderen Talente ein.“

Vor flammendem Himmel in Heppenheim.

Warum gibt es so wenige Wanderbühnen?

Florian: *lacht* „Weil das Auf- und Abbauen ein Riesenaufwand ist! Es ist gar nicht klar, wie viele genau es gibt. Eine gut recherchierte Abschlussarbeit spricht von sechs europäischen Wanderbühnen. Vielleicht ist der Aufwand vielen wirklich zu hoch. Aber das Interessante ist ja: Mit einer Wanderbühne werden auch Menschen erreicht, die sonst nicht ins Theater gehen. Dieses „Theater für alle“ ist eine schöne Tradition, in die wir uns stellen.“

Spielt Lampenfieber noch eine Rolle?

Jennifer: „Ja, natürlich. Als Zwei-Personen Stück musst Du den ganzen Abend tragen. Dabei ist nicht nur die Schauspielerei selbst wichtig, sondern auch die Abläufe, die Wechsel. Die Angst, dass irgendetwas nicht klappt, ist immer dabei, und sie ist auch nötig“.

Markus: „Lampenfieber bedeutet, dass Dir das, was Du tust, wichtig ist. Du hast lange geprobt, viel investiert, dann gehört Lampenfieber dazu.“

Horst: „Und es betrifft nicht nur die Schauspieler. Ich fiebere immer mit!“

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Karten für „Traumfrau verzweifelt gesucht“ gibt es bei reservix.de.
Weitere Informationen unter wanderbuehne.com.

Und mit diesen Zeilen aus dem Sommernachtstraum wünschen wir dem Ensemble von Theater Carnivore für ihre Premiere am 5. Mai „Toi toi toi“!

«Ein kurz langweilger Akt vom jungen Pyramus
Und Thisbe, seinem Lieb. Spaßhafte Tragödie.»
Kurz und langweilig? Spaßhaft und doch tragisch?
Das ist ja glühend Eis und schwarzer Schnee.
Wer findet mir die Eintracht dieser Zwietracht?“

Theseus, in Shakespeares Ein Sommernachtstraum, V,I.

*Jennifer Münch, Schauspielerin
Markus Schulz, Schauspieler
Florian Kaiser, Regie, Produktion und Organisation
Horst H. Walter, Dramaturgie und Co-Regie

(Fotos: Theater Carnivore, 2017.)