Selbst, ständig und Familie: Wie Unternehmerinnen und Unternehmer Beruf und familiäre Pflichten vereinbaren

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist heute ein zentrales Thema für Wirtschaft und Politik und eine große Herausforderung für Arbeitnehmer. Verspricht eine Selbständigkeit mehr Freiheiten für ein Leben mit Kindern? Oder ergeben sich dadurch neue Probleme, die bewältigt werden müssen? Wir fragen: Wie vereinbaren die Akteurinnen und Akteure der Kreativwirtschaft Beruf und familiäre Pflichten?

Morgens Telefonate mit Kunden, mittags für die Kinder kochen, nachmittags ins Atelier oder ins Büro. Auch mal mit dem Baby im Tragetuch oder dem Kind im Kinderwagen. Und nach dem Arbeitstag noch schnell bei der Mutter vorbeischauen, denn der neue Pflegedienst ist noch nicht eingearbeitet. Für viele Selbständige zwischen 30 und 50 ist das Alltag. Trotz der Doppelbelastung schätzen es Freiberufler und Selbständige in aller Regel sehr, ihr eigener Chef zu sein. Julia Gänzler, Kommunikations- und PR-Beraterin im Dezernat 16, sagt dazu: „Ein wichtiger Grund für meine Selbständigkeit lag in den gestiegenen Familienanforderungen, die sich als Angestellte nur schwer erfüllen ließen. Als Selbständige kann ich flexibler reagieren – allerdings ist die Belastung dadurch nicht weniger geworden, sondern nur anders verteilt.“ Sind flexible Arbeitszeiten und freiere Gestaltung des Alltags also Lösungen für die im beruflichen Kontext häufig schwierige Vereinbarkeit?

Bei vielen Paaren mit Kindern oder Familienpflichten im Angestelltenverhältnis bleibt einer der Partner längere Zeit zuhause. Tatsächlich steigt der Anteil an Erwachsenen, die ihre Erwerbstätigkeit aufgrund von Betreuung und Pflege einschränken oder ganz aufgeben, in den letzten Jahren an. 25% reduzierten ihre Arbeitszeiten, 12% gaben die Erwerbstätigkeit auf. Bei den Selbständigen dagegen sind Elternzeiten oft gar nicht vorhanden. Laut einer Umfrage unter Unternehmerinnen war die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für 14% der Auslöser für die Selbständigkeit. In der Kultur- und Kreativwirtschaft Heidelberg geben das sogar 40% der Befragten an: „Manchmal heißt meine Selbständigkeit für meine Kinder, dass sie eben im Büro Hausaufgaben machen müssen“, erklärt Julia Gänzler. Kein Spagat mehr zwischen den Aufgaben, sondern ein Miteinander. Doch ist dieses „Alles-auf-einmal“ ohne Pause tatsächlich wünschenswert?

Mit Kindern ins Büro? Möglich, aber nicht immer optimal, sagen viele Akteurinnen und Akteure des D16.

Alles-auf-einmal trifft auf hohe Ansprüche

Hohe Ansprüche an die eigene Arbeit, laufende Aufträge, fehlende Rentenversicherung und finanzielle Unsicherheiten führen häufig zu großem Druck und wenig bewusst genommener Familienzeit. Unter den vom VdU befragten Unternehmerinnen gaben daher auch 11% an, die Selbständigkeit habe sie von der Gründung einer Familie abgehalten. Die Angst, nicht arbeiten zu können, Aufträge zu verpassen, oder auch nicht genügend Geld für die Kinder zu verdienen, ist groß. Denn wer als Angestellter nicht arbeitet, kann prozentual Elterngeld beziehen. Wer als Selbständiger nicht arbeitet, verdient nichts, ist nicht sichtbar, verliert im schlimmsten Falle Kunden. In der Kultur- und Kreativwirtschaft Heidelberg geben 90% der Befragten an, nach der Familiengründung diese gewachsene Verantwortung für ihre Unternehmung wahrzunehmen. „Früher musste ich mich mit meiner Selbständigkeit versorgen, jetzt ist eine komplette Familie auf meinen Erfolg angewiesen“, schreibt eine befragte Person. Wird die Familie für Selbständige damit zur Falle? Und wie hoch ist das Armutsrisiko für Menschen, die Kinder haben?

Tatsächlich schützt Erwerbstätigkeit aller Art nicht komplett vor der Armut. Zwischen 7,1 und 7,8 Prozent soll die Quote der sogenannten „Working Poor“ liegen – das ist zwar weit unter dem Armutsrisiko von Erwerbslosen (56,9%), aber nicht wegzuleugnen. Gerade kinderreiche Familien müssen mit finanziellem Druck leben: Ab dem dritten Kind steigt das Armutsrisiko in jeder Bevölkerungsgruppe auf etwa 18% an.

Ein wirklich kinderfreundliches Büro wünschen sich viele der Befragten. Also keine Bedingungen wie auf unserem Bild …

Politik bewegt sich zu langsam

Hinzu kommt die psychische Belastung: Bereits beim ersten Kind klagen viele Berufstätige darüber, sich zerrissen zu fühlen, und nicht mehr allem gerecht werden zu können. Gerade Selbständige sind vom Burnout bedroht. Sie arbeiten „entgrenzt“, erwarten zu viel von sich selbst, machen sich Sorgen über das finanzielle Auskommen.
Hier müssen staatliche Lösungen her. Verschiedene Parteien fordern seit Jahren auch für Selbständige mit familiären Pflichten eine bessere Absicherung. Doch bis die langsam mahlenden Mühlen der Politik sich auch in diesem Bereich bewegen, bleibt den Selbständigen nur, individuelle Lösungen für ihre eigene Vereinbarkeit zu finden.

In der Kultur- und Kreativwirtschaft Heidelberg setzt man zum Beispiel auf gegenseitige Hilfe. Hier schaffen Kreative sich Strukturen selbst, um Abholen oder Nachmittagsbetreuung der Kinder zu gewährleisten. Der Nachwuchs wird zu Kundenterminen kurzerhand mitgenommen, oder die Termine werden um die Familienpflichten herum organisiert. Laut unserer Umfrage unter den Kreativen Heidelbergs ist „mehr Akzeptanz von Kindern während der Arbeitszeit, verständnisvolle Geschäftspartner und Kunden“ ein zentraler Wunsch für die Zukunft. In Einzelfällen scheint das bereits gut zu klappen. In vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen ist der Nachholbedarf größer. Shiva Hamid, Mit-Geschäftsführerin der breidenbach studios, sagt dazu: „Eine wirklich kinderfreundliche Kultur haben wir in Deutschland nicht, und das betrifft nicht nur die Arbeit, sondern auch Teilhabe oder Engagement. Es muss uns möglich sein, Kinder zu unseren Aufgaben mitzunehmen. In den letzten Jahren sind viele Debatten zu diesem Thema angestoßen – das empfinde ich als positiv“.

Überforderung durch Mehrfachbelastung – das Bündnis für Familie Heidelberg unterstützt.

Das Bündnis für Familie Heidelberg unterstützt Berufstätige bei der Vereinbarkeit. Zusammen mit den parentrepreneurs, einer Initiative, die aus Netzwerktreffen im Dezernat 16 hervorging, arbeitet das Bündnis an Lösungen speziell für den Bereich der Selbständigkeit. Im Vordergrund der Arbeit bei den parentrepreneurs stehen dabei eine gute Organisation von Abläufen sowie das Priorisieren von Aufgaben, die gegenseitige Hilfe und der offene Austausch.
Im Vorfeld des Netzwerkforums am 14. April haben wir Selbständige im Dezernat 16 gefragt: Wie vereinbart Ihr familiäre Pflichten und Beruf?

 

Shiva Hamid


Shiva Hamid ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der breidenbach studios. Vor 1,5 Jahren kündigte sie eine verantwortliche Position bei einem Kulturverlag, um komplett in die Selbständigkeit zu gehen. Einer der Gründe für diese Entscheidung: Ihre Tochter.

Shiva: Als meine Tochter zur Welt kam, war ich beruflich gleich doppelt eingebunden. Lange habe ich tagsüber im Verlag und abends für die breidenbach studios gearbeitet. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass unser Familienleben auch Raum braucht. Als sich die breidenbach studios weiter entwickelten und neue Geschäftsbereiche erschlossen, habe ich diese Chance genutzt.

Ich wollte selbstbestimmter und flexibler arbeiten, mich nicht mehr ständig den Zeiten anderer unterwerfen und für mein Kind da sein. Dieser Wunsch hat sich absolut erfüllt. Heute kann ich jeden Tag entscheiden, wo und wann ich arbeite. So bleibt insgesamt auch mehr Zeit für mich, meine Familie und für Freundschaften.

Die Betreuung teilen wir uns zu gleichen Teilen. Zudem haben wir ein soziales Netz vor Ort: Die Eltern und auch der Bruder meines Partners wohnen hier. Zusammen mit einer tollen Babysitterin ermöglicht uns das, viele Termine für unsere Tochter gemeinsam wahrzunehmen.

Mir ist Struktur sehr wichtig, und Routinen helfen beim Familienleben. Daher lautet mein Tipp für Selbständige mit Kindern: Macht eine Wochenplanung! Wir gehen am Sonntag gemeinsam unseren Wochenplan durch und achten auf Familienzeit, aber auch auf Freiräume. Denn zwischendurch entspannen oder etwas für sich tun – das mussten wir nach der Kleinkindzeit erst wieder lernen.

 

Oskar Dammel

Oskar Dammel ist mit dem Ton- und Filmstudio Onkel Lina seit 2013 Mieter im Dezernat 16. Erste selbständige Projekte realisierte er bereits während des Studiums. Heute kombiniert er die Vorteile einer Teilanstellung mit selbständiger Tätigkeit. Vater wurde er bereits in einer sehr frühen Lebensphase.

Oskar: In den letzten Jahren hat sich mein Tätigkeitsfeld immer wieder angepasst. Mit Onkel Lina mache ich klassische Filmproduktion, Musik, auch Projekte für die Stadt Heidelberg. Und als Veranstaltungstechniker bin ich viel auf Touren. Die Möglichkeit zu schnellen Veränderungen ist für mich ganz wesentlich am selbständig Arbeiten.

Mein Sohn wurde 2005 geboren. Kinder und Studium, das funktioniert wirklich wunderbar! Ich war sehr flexibel, es gab Hilfen, wir bekamen schnell einen Betreuungsplatz. Mit dem Schritt in die Selbständigkeit konnte ich dann viel meiner Arbeit in die Betreuungszeiten meines Sohnes legen. Und ihn trotzdem jeden Tag zur Schule bringen.

Heute bin ich in der halle02 angestellt und nebenberuflich selbständig. Das hat Vorteile: Die Sicherheit eines kleinen, aber regelmäßigen Gehalts, die Absicherung im Krankheitsfall. Ich kombiniere das Beste aus beiden Welten. Anders als vor einigen Jahren arbeite ich aktuell viel nachts und am Wochenende, zum Beispiel auf Konzerten. Wenn ich auf Tour bin, ist meine Partnerin für meinen Sohn da. Sie ist eine ganz wichtige Komponente in unserem Familienleben. Ohne sie würde es nicht funktionieren, auch finanziell.

Natürlich braucht mein 12-jähriger ganz anders meine Aufmerksamkeit und Zeit als früher. Manchmal bin ich unerwartet da, wenn er von der Schule kommt. Dann essen wir zusammen oder unternehmen etwas. Er geht genau wie ich sehr entspannt mit meinem Arbeitsalltag um. Noch ein wichtiger Faktor in unserem Leben ist unsere WG: Wir haben immer in WGs gewohnt, das ist wie ein zusätzliches soziales Netz. Häufig ist jemand da – zum zwischendurch Aufpassen oder einfach zum Reden. Ich möchte gerne noch Kinder, und denke, auch das wäre in unserem Leben machbar.

Meine Tipps für das selbständige Arbeiten mit Kindern? Die Entscheidung für eine Selbständigkeit nicht allein von der Familiensituation abhängig machen. Für das Risiko einer Selbständigkeit muss man auch der Typ sein. Und die Kombination in der Familie muss stimmen. Denn wenn mich die Unsicherheit einer Selbständigkeit stresst, und dann noch Kinder hinzu kommen, ist Selbständigkeit nichts, was entspannt und glücklich macht. Mein zweiter, ganz allgemeiner Tipp ist, sich über das Elternsein nicht zu vernachlässigen. Für mich galt immer: Mein Kind ist die eine Sache. Aber es gibt ja auch noch mein Leben. Das ist ebenfalls wichtig, denn ich muss auch zufrieden sein.

 

Karin Kopka-Musch

Künstlerin Karin Kopka-Musch, aufgenommen am 13.02.2018 in der Ausstellung „Null Illusion – von Farbe – über Malerei“ im Kunstraum „hase29“ in Osnabrück. Foto: David Ebener

Karin Kopka-Musch ist seit 2008 freischaffende Künstlerin. Sie hat ein Atelier im Dezernat 16. Den Alltag zwischen kreativem Schaffen und zwei Töchtern empfindet sie als herausfordernd, aber auch prägend und lehrreich.

Karin: Durch meine Familie bin ich unheimlich flexibel geworden. Mein Tagesrhythmus grenzt mich stark ein, ich muss viele Dinge gleichzeitig machen und ständig zwischen den Aufgaben hin und her wechseln. Die Flexibilität, die ich dadurch gelernt habe, wird in meinen Augen gesellschaftlich unterschätzt. Denn auch für meine Arbeit ist das Multitasking, das Verbinden, das Um-die-Ecke-Denken eine große Qualität. Und obwohl ich vormittags Künstlerin, nachmittags Mutter und abends wieder Künstlerin bin, bin ich bei jeder meiner Aufgaben präsent. Wenn auch nicht immer die Ruhe selbst, die ich gerne wäre.

Als „selbständig“ kann ich mich noch nicht sehen. Alleine mit meinen Kindern könnte mich meine Kunst nicht tragen. Ich bin zuversichtlich, dass sie das wird, wenn meine familiären Pflichten abnehmen. Doch Bedürfnislagen von Kindern vertragen sich sehr schlecht mit Museumsterminen und Vernissagen – ein echtes organisatorisches Problem für mich. Alles in allem aber überwiegen die Vorteile einer selbständigen Tätigkeit mit Kindern.

Mein eigenes Tun sehe ich dabei auch als Rollenbruch. Viele gut ausgebildete Frauen in meinem Umfeld stehen wie ich vor der Herausforderung, ihr volles Potential zu leben UND eine Familie zu gründen. Meistens sind es eher die Frauen, die es leisten, den Konsens von Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung in ihrem Alltag zu suchen. Sie kommen dadurch in die Situation, Anschlussschwierigkeiten in Sachen Wettbewerbsfähigkeit und Einkommen ausgesetzt zu sein, oder eben solche kompensieren zu müssen oder mutig nicht gelten zu lassen. Ich will Arbeit und Familie verbinden, will mich freischwimmen und meinen Kindern zeigen, dass beides geht. Auch wenn es sehr arbeitsintensiv ist.

Mein Tipp für Selbständige mit Kindern? Lasst Euch nicht Eure Flügel festbinden. Ein pragmatischer Weg zwischen familiärer Verantwortung und beruflichen Aufgaben muss nicht heißen, dass die Kinder uns beschränken. Sie sollten nie zum Problem gemacht werden.

 

Die parentrepreneurs

Die parentrepreneurs sind Selbständige mit Kind(ern) aus Heidelberg und der Region, die ihre eigene Vereinbarkeit von Beruf und Familie leben und für sich passende Alltagslösungen gefunden haben. Sie engagieren sich für eine familienfreundliche Arbeitskultur und schaffen Möglichkeiten zum Austausch, zum Netzwerken, zur Weiterbildung und zur gegenseitigen Hilfe. Hervorgegangen ist die Arbeitsgruppe aus regelmäßigen monatlichen Meetups für freiberufliche Mütter, organisiert von Annette Holthausen von den ForscherFreunden.
Wer sich gerne bei den parentrepreneurs engagieren und auf andere Selbständige mit Familienpflichten treffen möchte, kann der facebook-Gruppe beitreten oder sich direkt beim Bündnis für Familie Heidelberg melden.