Design, Mode und sehr viel Mut: Ein Gespräch mit Lina Heckmann

Lina Heckmann ist Modedesignerin. Nach einem Praktikum in Prato und Florenz sowie einer Festanstellung als Designerin machte sie sich selbständig. Zwei Jahre später gründete sie ihr eigenes Label: evaw-wave. Ihr Weg in den Beruf, ihre Erfahrungen aus mittlerweile über 15 Jahren Selbständigkeit und was evaw-wave heute macht, erzählt sie uns im Porträt.

Mit 14 begann Lina Heckmann zu nähen. „Ich wollte mir ein bestimmtes Kleidungsstück selbst nähen, zerschnitt zwei hochwertige Rollkragenpullover und setzte mich an die Maschine meiner Mutter. Als sie kam, war sie hin- und hergerissen zwischen Stolz und Entsetzen“, denkt Lina zurück. Nach dem Abitur bewarb sie sich bei einer Schneidermeisterin. „Wenn ich lerne, effizienter zu nähen, kann ich schneller Stücke selbst produzieren, dachte ich. Mein Ziel war dabei nicht unbedingt, später als Schneiderin zu arbeiten.“ Wie wichtig die auf ein Jahr und zehn Monate verkürzte Ausbildung sein würde, zeigte sich später.

Nach der Ausbildung bewarb sich Lina bei der staatlichen Modeschule in Stuttgart auf den Studiengang Modedesign. „Das Studium war sehr vielfältig und kompakt. Von der Theorie zur Praxis deckte es alles ab, Schwerpunkte waren Schnitttechnik und Bekleidungsdesign. Dafür war es unerlässlich, nähen zu können, um auf diese Kenntnisse aufzubauen“, erzählt Lina, die sich nach ihrem Studium mit keiner der angebotenen Stellen zunächst richtig anfreunden konnte. Sie wollte noch andere Facetten des Berufs kennenlernen. Beim Arbeitsamt stieß sie auf das Leonardo da Vinci-Programm und bewarb sich für ein Praktikum in Florenz.

Nach einem vierwöchigen Sprachkurs folgte die erste Praktikumsstelle bei der Freundin eines Enkels des bekannten Designers Ferragamo, die sich gerade mit ihrer eigenen Kollektion selbständig machte. „Dort arbeitete ich einige Wochen, hielt dann aber Rücksprache mit dem Project Manager des Programms. Ich wollte etwas lernen, und all die mir übertragenen Aufgaben wie Schnittmodifikationen, der Zuschnitt und das Anfertigen von Prototypen waren keine Herausforderungen für mich. Meine Betreuer dort sahen, dass ich durch mein Studium schon sehr weit fortgeschritten war, und ich wechselte zu einer Freelance-Agentur nach Prato, die Strickware für Vivienne Westwood machte. Dort durfte ich jeden Tag Entwürfe machen, von denen tatsächlich einige in der Vivienne Westwood Kollektion umgesetzt wurden“, erzählt Lina Heckmann.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete die gebürtige Schriesheimerin als Praktikantin bei einer Textilfirma. Durch Kündigungen wurde sie von einem Augenblick zum anderen zur Chefdesignerin – eine Zeit, die sie sowohl im Positiven als auch im Negativen stark prägte. „Zum einen lernte ich jede Menge über selbständiges, eigenverantwortliches Arbeiten“, sagt Lina. „Zum anderen war die Arbeitsatmosphäre so schlecht, dass wir eine riesige Fluktuation hatten. Nach drei Jahren kündigte ich und hatte danach nur sehr wenig Lust, noch einmal in ein Angestelltenverhältnis zu gehen.“ Die Modedesignerin stand an einem Wendepunkt. Eine neue berufliche Richtung, ein anderes Studium? „Was mich immer am Nähen und Designen hielt, war das Ergebnis. Mein Beruf ist unglaublich produktiv und somit für mich befriedigend, und so ging ich letztlich in die Selbständigkeit“.

In der ersten Phase ihrer selbständigen Tätigkeit half ihr vor allem ihre bisherige Arbeit. Viele Menschen waren bereits auf sie aufmerksam geworden, und die Rückmeldungen waren durchweg positiv. So kam Lina mit ihren ersten festen Kunden – Sportcheck – schon während der Gründungsphase zusammen. Kunden wie Intersport, Esprit, Schuhmacher, Blutsgeschwister, Blue Chips und Westbay folgten. In deren Auftrag entwarf sie Swimwear, Active Wear, Ski-und Snowboardkollektionen. „Als die ersten Styles 30.000 Mal verkauft wurden, haben meine Freunde zu mir gesagt, ich solle doch meine eigene Kollektion machen. In der Theorie klingt das ja auch sehr gut“, lacht Lina. Dem Impuls folgend gründete sie zusammen mit ihrem Mann Lars und einem Freund evaw-wave. Nach einem bombastischen Start des eigenen Labels, einer sehr frühen Aufnahme bei Zalando, Frontline und Conleys, schnellem Wachstum und aufreibenden, extrem arbeitsreichen Jahren kam die Wirtschaftskrise. Die Kunden wurden vorsichtiger und setzten vor allem auf etablierte Marken. Und die Online-Shops verschärften die Konditionen. Zu hohe Vor-Orderrabatte und Optionsorders, die oftmals dann nicht abgerufen wurden, schmälerten den Gewinn beträchtlich. Hinzu kamen laufende Kosten und Vertreterprovisionen. Am Ende blieb nichts für Wachstum oder Investitionen. „Hinzu kam, dass wir uns viele Gedanken über unsere Produktion gemacht und all unsere Lieferanten überprüft haben. Wir kamen an den Punkt, an dem das alles nicht mehr zu leisten war“, berichtet Lina nachdenklich. Eine Reihe von Schlüsselmomenten führte zu der Entscheidung, die Arbeit an eigenen Kollektionen zu beenden. „Ironischerweise stellten wir genau in diesem Jahr, zehn Jahre nach Start unseres Labels, fest, dass wir Gewinn gemacht hatten. Aber unter dem Strich war es die richtige Entscheidung, aufzuhören“, fasst Lina zusammen.

Heute arbeitet Lina als Freelance Designerin, hauptsächlich im Swimwear- und Activewearbereich. Diverse Labels wie Lascana und Bench kamen als Neukunden hinzu. „Meine Kunden schätzen sehr, daß ich durch evaw-wave den kompletten Ablauf einer Kollektion kenne. Vom ersten Strich bis zur Verzollung der Ware weiß ich, was alles bedacht werden muß, und was alles schieflaufen kann. Ein „normaler“ Freelancer erstellt seine Kollektionen, macht Änderungen – that’s it. Ich aber weiß, was bereits im Vorfeld in Bezug auf Schnitttechnik oder Preis des Stoffes, Herkunft etc. berücksichtigt werden muß.“

Das Label evaw-wave wurde aufgegeben, die GmbH umstrukturiert. Lina ist noch Gesellschafterin der GmbH, ihr Geschäftspartner Tobias Cohausz der Geschäftsführer. „Unsere Firma produziert Styles im Auftrag für Kunden. Zur Zeit hauptsächlich für Otto Homewear und Bademäntel. Ein riesiger Markt, was ich nie gedacht hätte. Unser Topseller wurde bereits 60.000 mal produziert“. Und wie ist die aktuelle Arbeit im Vergleich zur eigenen Kollektion? „Es ist schon etwas Besonderes, seine eigenen Designs zu produzieren“, sagt Lina. „Aber Kapitalbedarf und Arbeitsaufwand sind enorm hoch, der Stress und die Adrenalinstöße kaum in Worte zu fassen. Sicherlich wird ein Teil von Glücksgefühlen und Stolz, und dem Respekt und der Bewunderung, die man entgegengebracht bekommt, aufgefangen, aber man stellt sich irgendwann die Frage, wo Familie und Freizeit bleiben. So lautete der erste Satz unseres Sohnes „Mama Arbeit“, und da ahnte ich das erste Mal, daß ich mich entscheiden muss.“ Dennoch begegnet sie der Frage, ob sie evaw-wave noch einmal dahingehend neu ausrichten würde, sehr offen: „Wir haben unwahrscheinlich viel gelernt und könnten so natürlich auch verschiedene Fehler vermeiden“, gibt sie zu bedenken. „Aber ob unsere Reise noch einmal in Richtung eigener Kollektionen geht, werden wir sehen. Momentan sind wir sehr gut ausgelastet“, lächelt sie.

 

Bilder: Auszüge aus den Kollektionen von evaw-wave. Copyright: Lina Heckmann.